Wir sind Profis unserer Katastrophe. Der zweite Weltkrieg und wir

Ich arbeite am zweiten Weltkrieg. Das formuliere ich gerne so, wenn mich jemand fragt, was ich eigentlich gerade mache. Fakt ist, ich tu das wirklich. Ich arbeite für eine Filmproduktionsfirma an einer Doku-Reihe über das Jahr 1945.

Zweiter Weltkrieg, 1941. Mein Papa.

Ich sehe seit knapp zwei Monaten Menschen, die hungern, Soldaten, die marschieren und kämpfen, Zivilisten, die Berlin wieder aufbauen. Ich sehe Hitler, Konzentrationslager, Propaganda, in schwarz-weiß, Massengräber und Victory-Russen, die an der Berliner Siegessäule tanzen. Dann wieder Menschen, die sich erhängt haben oder erhängt wurden. In der Hand eine Tafel „Ich habe unser Volk verraten“. Ich sehe Schutt und Asche, Panzer und Menschenketten, die Eimer mit Baumaterialien weiterrreichen.

Eine Stimme liest aus dem Tagebuch einer 17jährigen, wie sie den ganzen Tag eingeweckt haben und später, wie sie beschlossen haben, noch nicht an das Eingeweckte zu gehen, weil sie sicher sind, dass es noch schlimmer kommen wird.

„Wer zum Brunnen geht, kommt vielleicht nicht zurück.“

Ich stoppe das Bild bei einem Mann mit einer Atemschutzmaske, die wie eine Taucherausrüstung aussieht. Er schaut sich noch einmal um, ehe er in ein Gebäude rein geht. Kurz darauf werden Kindern Läuse entfernt.

„Krass, wie die damals trotzdem noch ihren Alltag gelebt haben, obwohl ständig Bombenalarm war“, meinte mal mein Kollege. Zu einer Zeit, als Corona noch kein großes Thema war in Deutschland. In der ersten Märzwoche.

Ja, krass. Aber was hätten sie sonst tun sollen? Sich bevorraten, verschanzen und abwarten? Sicher haben sie das am Anfang getan, bis sich herausgestellt hat, dass das Ganze noch eine ganze Weile so weiter gehen wird. Mit der Gefahr, nie vom Brunnen zurückzukommen. Mit den Bomben. Dann sind sie zum Alltag zurückgekehrt und lebten nicht nur um des Überlebens willen, gingen nicht nur raus zum Beschaffen von Wasser und Essen. Sie trafen sich auch zu Kaffee und Kuchen. Sie hatten im Blick, wo welcher Bunker am nähsten war. Die Abläufe waren in ihrem System.

Alarm – Sammeln – In Bunker gehen – Warten – Kinder beruhigen – Warten – Rauskommen – Weitermachen.

Damit waren sie überall gleichermaßen in Gefahr oder sicher. Kein Zweifel! Sie waren Katastrophen-Profis. Sie kannten Panik und gingen irgendwie mit ihr um. Kann ich das auch?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bietet einen Ratgeber für Notsituationen an. Ich habe ihn gelesen und sofort erkannt: Ich wäre eine absolute Katastrophen-Niete. Da geht es um Vorrat, Vorkehrungen für Stromausfall, Brände, Überschwemmung, plötzliche Evakuierungen. Ich habe kein Szenario je durchgespielt. Ich wäre panisch, wenn es zum Beispiel in meiner Wohnung brennt.

Wo ist der Feuerlöscher? Oh, ich hab keinen. Wenn ich das Feuer nicht auskriege, was nehm ich noch schnell mit? Keinen Plan, denn ich habe nichts gepackt. Und ab wann wird’s eigentlich wirklich Zeit zu gehen? Das einzige, was ich später dabei hätte, wäre mein Geldbeutel, mein Handy und irgendetwas, das ich in der Panik in meinen Rucksack stopfe. Könnte gut sein, dass das drei Unterhosen sind, aber keine Hose. Meine aktuelle Lektüre. Glückssteine. Ein Müsliglas. Wahrscheinlich würde ich einen Moment im Wohnzimmer stehen und überlegen, ob ich erst die Feuerwehr rufe und dann weiter fliehe, während der Flur abbrennt. Bis mir mein iPad einfällt, das im Schlafzimmer liegt und ich durch den Rauch versuche es zu bergen. Irgendwas Idiotisches würde mir schon einfallen.

1945 war das anders. Man hatte gepackt. Proviant. Papiere. Jederzeit. Man war halt Profi. Die Situation, der zweite Weltkrieg, hat einen dazu gemacht.

Ich weiß nicht, was ich tue, wenn ich schnell wegmuss – bei Feuer oder Evakuierung. Aber ich weiß, was ich bei einem Pandemie-Notfall tun muss: Abstand halten, Hände waschen, Mundschutz beim Einkaufen tragen, Zuhause bleiben, Kontakte minimieren, spazieren gehen für das Immunsystem und Lebensmittel bevorraten, damit es für eine Quarantäne reicht.

Jeder kann das, was er können muss. Wir lernten ja auch in der Schule nicht für irgendwas, das gar nicht abgefragt wurde. Also bin ich nicht so streng mit mir und packe einfach jetzt einmal diese verdammte Tasche, die man im Notfall mitnimmt. Impfpass, Blutgruppen-Dokument, Abschlusszeugnisse, Wasserflasche, Unterhosen, Hose, Oberteil. Glückssteine. Buch. Zahnbürste. Zahnpasta. Notfallnummern. Irgendso was. Damit es auch als Tasche taugt, die eine Freundin von mir aus der Wohnung holt, wenn ich im Krankenhaus liege.

Wahnsinn! Ich komme in die Stimmung ein Testament mit ein paar Abschiedworten zu verfassen.

Könnte so anfangen:

„Sorry, Leute. Anscheinend bin ich überraschend verunglückt. Es tut mir leid, dass ich nicht besser aufgepasst habe. ….. Ihr habt mir alle sehr viel bedeutet.“

So jetzt reicht es aber. Zurück zur Realität. Schließlich stehen wir ja am Anfang unserer eigenen Geschichte. Unsere Aufgabe: Pandemie-Profi werden und bleiben.

Wenn ihr in eine ähnliche Stimmung kommen wollt, lest einfach den „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

https://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/VorsorgefuerdenKat-fall/Checkliste/Checkliste.html

Oder schaut die Dokumentation „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ am 5. Mai um 20.15 auf arte oder in der arte-Mediathek.

https://www.arte.tv/de/videos/091182-001-A/berlin-1945-1-2/

Und passt auf Euch auf!

Zusammen atmen. Familienfeier im Herzen.

Wir sitzen im Haus meiner Schwester. Die ganze Familie. Papa wird heute 80. Er liest aus den Kärtchen vor, die wir ihm geschrieben haben. Seine Augen leuchten. Er freut sich, dass wir alle zusammen gekommen sind. Für ihn, den Papi, Opi und Uropi.

„Wann machen wir dann die Fotos?“, fragt er.

„Oh ja, die Fotos. Sofort!“

Wir gehen alle raus. Wir, fünf Geschwister aus zwei Ehen, vier Kinder im Teenie- und Grundschulalter, meine Mutter, Onkel. Wir lachen auf den Fotos und irgendwer hat immer die Augen zu.

Es ist der 1. März. Wir haben die Hände um unsere Hüften und Schultern gelegt.

Daran werde ich an Ostern denken. An diesen sonnigen Tag Anfang März, an dem wir noch bedenkenlos in unsere Gesichter atmeten.

Gleisdreieck. Berlin.

In der Realität, heute und hier, geht das Zusammensein nicht. An Ostern werden wir alle für uns sein.

„Es ist alles voller als-“ sagt jemand am Gleisdreieck-Park. Ich fahre gerade mit dem Rad an ihm vorbei, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, zu der ich noch gehe.

Es ist voller als sonst. Sieht ganz danach aus. Hier am Gleisdreieckpark. Die Luft schmeckt nach Frühling.

Ich höre es von allen Seiten, dass eigentlich zu viel los ist. Alle sind so ein bisschen erschreckt. Nur Durchatmen macht richtig Spaß. Die Frische durch die Nase ziehen. Der Röhrenschal hingegen ist der Killer. Für den Moment an der Ecke nehme ich ihn ab und atme ein, inhaliere Frühlingsgefühle.

Was wird an Ostern sein? Und was danach? Ich halt an den Bildern fest – von vor Corona. Und dann mal sehen.

Die Vollpfosten sind noch unter uns. Ein Beweis

Morgens am Landwehrkanal. Sonne im Gesicht. Über Nacht haben sich die Uhren umgestellt. Längere Tage, juhu. Die Idylle zwitschert mich an. Äh und es ist arschkalt.

Ich konsumiere meine allmorgendliche Dosis zwischenmenschlichen Kontakt mit meiner einzigen persönlichen Kontaktperson Nina und knuddle ihren Hund, einziges Wesen, das ich noch knuddeln kann.

Wir reden über Möbel und Trockenfutter für den Hund, über Zwiebelkuchen und Backkunst an sich. Und beinahe. Wirklich haarscharf haben wir es geschafft ein ganz coronafreies Gespräch zu führen. Doch dann das –

„Was zur Hölle!“

Unter einem orangenen Mülleimer mit Aufschrift „Parkranger“ liegt er, der Beweis, dass die Vollpfosten noch unter uns sind. Dutzende Pizzaschachteln türmen sich wie ein Stilleben in der Sonne. Ein paar quillen aus der Tonne. Fast ästhetisch das Ganze, wäre es nicht so unglaublich unsolidarisch. Unverantwortlich. Dreist.

Auf einen der Schachteln steht „Larissa“.

„Larissa, bist Du noch ganz sauber im Kopf?“

Und schon sind wir wieder voll drin. Wir schimpfen und fühlen uns verarscht.

Wir überlegen der Fairness halber, ob diesem Schauplatz ein anderes Szenario zugrunde liegen kann, als das, woran man sofort denkt. Aber nur ganz kurz, denn no chance.

„Guck mal,“ sagt Nina und zeigt auf eine weitere Tonne.

Als ob Corona ein Gerücht sei und wir uns alle zum Spaß voneinander fern halten. In der ganzen Welt.

#flattenthecurve

Zwei Fahrräder Abstand, weil ichs nicht wissen kann

22. März 2020. Berlin.

Ich laufe mit einer Freundin auf dem Tempelhofer Feld herum. Sie schiebt ihr Fahrrad links und ich rechts. Ich hab meinen Röhrenschal um Nase und Mund gezogen, obwohl die zwei Fahrräder zwischen uns schon 1,50m sind. Es ist kalt und ich hab das auch früher öfter gemacht, wenn mir kalt war. Meinen Schal beim Joggen oder Fahrradfahren über die Nase gezogen. Plötzlich ist der Schal eine Maßnahme. Ich habe keinen Husten und mir geht es blendend. Aber who knows? Wenn ich infiziert bin, verringere ich die Wahrscheinlichkeit, meine Freundin anzustecken.

Zum Beispiel. Ich bin gefühlt noch eine Woche länger zur Arbeit gegangen als Deutschland. Wer weiß, was da passiert ist? Wir waren nicht viele in der Firma. Wir waren betont vorsichtig, aber kamen alle zum Mittagstisch zusammen.

Wir hielten Abstand, grüßten uns mit festem Fußdruck. Wenn uns jemand im engen Flur entgegen kam, warteten wir, bis er durch war. Wir kicherten, wenn wir uns aus Versehen berührten und sagten „Oh nein, jetzt hab ich Dich infiziert“. Wir redeten über nichts anderes. Wir fühlten uns auf eine seltsame Art und Weiße verbunden – im Kampf gegen dieselbe Sache. Wir wuschen genug die Hände, um das Virus nicht weiter zu tragen. Wir waren solidarisch und machten alles richtig. Die Vorstellung diese Gemeinschaft für ein einsames Homeoffice zu verlassen, bereitete mir Unbehagen.

Eine Regisseurin sprach von Ischgl und dass einer der Väter im Kindergarten in Ischgl war. Da kam allmählich die Wende. Was, wenn es doch möglich ist. Was, wenn diese Minderheit an Infizierten eine Kette bilden bis zu unserer Mittagstafel, an der wir mit doppeltem Stuhlabstand saßen.

Was würde ich geben, dieses Virus sehen zu können, wie es von einem zum anderen springt. Ich bin seit drei Jahren nicht krank gewesen. Wenn das Virus in mir einkehrt, schlägt es mir höchstens auf die Stimmung und ich kann nicht unterscheiden, habe ich jetzt einfach Stress oder legt sich auf meinen Atem gerade Covid-19? Und wenn ich jetzt schon infiziert bin, wo habe ich mich infiziert?

In der Firma, bei der Regisseurin, die ihr Kind im selben Kindergarten hatte wie der Vater, der in Ischgl war? Am 6. März, wo ich auf Riesenshopping-Tour durch Teka und Ikea strich, verbunden durch U-Bahnfahrten in U-Bahnen, wo ich mich innerlich über eine Frau lustig machte, die ein Maske trug? Beim letzten Mal Tennisspielen, genau an dem Tag, wo später alle Sportanlagen in Berlin zur Eindämmung von Corona geschlossen wurden? Als wir beim Doppel statt gute Ballwechsel mit einem Handschlag zu honorieren, unsere Ellenbogen zusammenführten, weil wir das mit dem Schläger aufeinander schlagen zu affig fanden. War es beim letzten Mal Germanys Next Topmodell gucken mit meiner momentan einzigen Kontaktperson, meiner Nachbarin? Und wenn ja, wo hatte die sich angesteckt und warum halten die bei Germanys Next Topmodell eigentlich noch keinen Sicherheitsabstand?

Wir sind jetzt an vorderster Front, wenn Geschichte passiert. Und ich habe eine Gänsehaut, wenn ich sehe, wie zwei Menschen in 2 Meter Abstand laufen.

Das Tempelhofer Feld an diesem Sonntag ist übersät von ihnen. Der Leute, die wissen, um was es geht. Und das Stunden bevor die Kanzlerin verkündet, wie wir die nächsten zwei Wochen leben.

Gymnastikgruppe ja/nein oder «Ich finde eure Hasen ziemlich cool.»

HASEN

In der U sitzt eine ältere Dame – fit wie ein Turnschuh. Sie ist die symbolische fitte Oma aller Familien. Immer was zu sagen, immer fit.

«Da muss ich halt auch erstmal überall reinschnuppern, um die beste Gymnastikgruppe zu finden. Ich bin ja jetzt der Seniorengruppe beigetreten – und der Gymnastikgruppe. Die sagen jetzt auch, ich könnte mit kegeln gehen. Die haben so eine schöne Kegelgruppe. Aber ich muss ehrlich sagen – da ist mir meine Zeit zu schade. Die meinten ja, für die Gemeinschaft. Aber dafür ist mir die Zeit echt zu schade. Das war nie meins.»

Ihr Gesprächspartner guckt sonstwohin. Sein Blick ist gesenkt.

Während die Seniorin über Aquagymnastik, Powerjoggen im Wasserbecken, referiert, reden zwei Schulmädels über den Garten und ein Trampolin, das sich neben dem Hasengehege nicht gut macht. Es ist zu hässlich. Aber –

«Ich finde eure Hasen ziemlich cool.»

«Ja.»

«Ja. Naja – Andi ist jetzt weg und wenn Sarah nicht da ist, haben wir Platz. Da können wir das Trampolin weg tun.»

Schön, schön. Währenddessen kriegt die Seniorin den Kegel-Gedanken nicht so ohne Weiteres los.

«Ich habe jetzt wieder einen vollen Stundenplan. Die im Kegeln sind praktisch die, die sich sonst nicht mehr bewegen. Da guck ich lieber, dass ich eine Stunde joggen gehe. Das ist mir ein zu großes Opfer.»

Und zwei junge Frauen in Mänteln, von denen sie die Haare entfernen, bevor sie das Haus verlassen, reden über ihr duales Studium. Es geht um Prüfungen und ihre persönliche Vorgehensweise bei neuen Hausarbeiten. Die eine ist blond, die andere brünett.

«Ich geh da sofort dran», sagt die Blonde. «Ich wüsste gar nicht, wie ich es anders mach.»

Die Braunhaarige trägt eine Brille, die aussehen soll, als wäre sie gar nicht da. Ihr Kiefer ist ausgeprägt. Wenn man den schon nicht kaschieren kann, dann wenigstens, dass man eine Brille trägt.

«Wir haben letztens eine Arbeit geschrieben. Also, das war so. Ich hatte eine 1,1. Das war okay. Das fand ich jetzt okay, aber der Grammatikfehler. Ich weiß auch nicht.» Sie seufzt.

Die fitte Seniorin erzählt jetzt, sie habe letztens einen Blazer angehabt und sei aufgefallen. Jemand hatte ihr gesagt, es sei schön, dass sie sich fit halte.

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