Gymnastikgruppe ja/nein oder «Ich finde eure Hasen ziemlich cool.»

HASEN

In der U sitzt eine ältere Dame – fit wie ein Turnschuh. Sie ist die symbolische fitte Oma aller Familien. Immer was zu sagen, immer fit.

«Da muss ich halt auch erstmal überall reinschnuppern, um die beste Gymnastikgruppe zu finden. Ich bin ja jetzt der Seniorengruppe beigetreten – und der Gymnastikgruppe. Die sagen jetzt auch, ich könnte mit kegeln gehen. Die haben so eine schöne Kegelgruppe. Aber ich muss ehrlich sagen – da ist mir meine Zeit zu schade. Die meinten ja, für die Gemeinschaft. Aber dafür ist mir die Zeit echt zu schade. Das war nie meins.»

Ihr Gesprächspartner guckt sonstwohin. Sein Blick ist gesenkt.

Während die Seniorin über Aquagymnastik, Powerjoggen im Wasserbecken, referiert, reden zwei Schulmädels über den Garten und ein Trampolin, das sich neben dem Hasengehege nicht gut macht. Es ist zu hässlich. Aber –

«Ich finde eure Hasen ziemlich cool.»

«Ja.»

«Ja. Naja – Andi ist jetzt weg und wenn Sarah nicht da ist, haben wir Platz. Da können wir das Trampolin weg tun.»

Schön, schön. Währenddessen kriegt die Seniorin den Kegel-Gedanken nicht so ohne Weiteres los.

«Ich habe jetzt wieder einen vollen Stundenplan. Die im Kegeln sind praktisch die, die sich sonst nicht mehr bewegen. Da guck ich lieber, dass ich eine Stunde joggen gehe. Das ist mir ein zu großes Opfer.»

Und zwei junge Frauen in Mänteln, von denen sie die Haare entfernen, bevor sie das Haus verlassen, reden über ihr duales Studium. Es geht um Prüfungen und ihre persönliche Vorgehensweise bei neuen Hausarbeiten. Die eine ist blond, die andere brünett.

«Ich geh da sofort dran», sagt die Blonde. «Ich wüsste gar nicht, wie ich es anders mach.»

Die Braunhaarige trägt eine Brille, die aussehen soll, als wäre sie gar nicht da. Ihr Kiefer ist ausgeprägt. Wenn man den schon nicht kaschieren kann, dann wenigstens, dass man eine Brille trägt.

«Wir haben letztens eine Arbeit geschrieben. Also, das war so. Ich hatte eine 1,1. Das war okay. Das fand ich jetzt okay, aber der Grammatikfehler. Ich weiß auch nicht.» Sie seufzt.

Die fitte Seniorin erzählt jetzt, sie habe letztens einen Blazer angehabt und sei aufgefallen. Jemand hatte ihr gesagt, es sei schön, dass sie sich fit halte.

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«Und dafür schlachten wir se alle. Ja-WOLL!»

kuehe

Es geht um glückliche Kühe. Eine liebliche Frauenstimme sagt, WIE glücklich die Kühe sind. Lautsprecher tragen ihre Botschaft durch den Supermarkt.

Ein blonder Typ steht bei den Putzmittelprodukten und fängt an zu lachen.

«Und dafür schlachten wir se alle. Ja-WOLL!», ruft er und das WOLL von JaWOLL klatscht auf den Boden wie Kuhfladen.

Normalerweise, wenn jemand mit Stimmen aus Durchsage-Boxen spricht, hält man ihn für bekloppt. Man schaut ein bisschen weg. Man möchte jetzt nicht gerade selber darüber nachdenken. Geht mir auch so.

Ich komme in Konflikt, weil zwei Jugendliche mich fragen, ob ich ihnen Whiskey aus dem abgesperrten Spirituosen-Schrank besorgen kann. Sie bieten mir Trinkgeld. Ich sage sofort: «Ja», kann dann aber nicht sofort eine Servicekraft auftreiben, die mir den Schrank aufsperrt. Während dem Warten fällt mir ein, dass es ja eigentlich gar nicht rechtens ist, wenn ich das jetzt tu. Und irgendwie finde ich auch die Vorstellung abartig, dass man gut zu den Kühen ist. Ist irgendwie hinten rum.

Ich gehe an die Kasse – ohne Whiskey. Der «Und-dafür-schlachten-wir-sie-alle-JaWOLL»-Typ steht auch da. Um seine Hüfte hängt eine Umhängetasche mit Aufschrift animal equality.

«Das ist mein Fuß, auf dem du gerade stehst», sagt eine Mutter zu ihrem Kind und ich schnapp mir spontan ein Päckchen Kräuterschnaps für Eigenbedarf. Vielleicht muss ich doch mal was wegen den Kühen unternehmen.

Während ich am Marienplatz meinen Kräuterschnaps trinke und auf meine Verabredung warte, denke ich an letzt in der U-Bahn .

Letzt hang ein Rollstuhlfahrer seltsam in seinem Rollstuhl. Sein Kopf berührte fast den Boden. Man sah halb seinen Arsch. Jemand sagte, die Fahrerin wisse Bescheid: «Der hat einen zu viel gekippt. Der wird abgeholt.»

Und ich setzte mich hin. Ein Typ mittleren Bauchumfangs wandte sich zu mir, sagte:

«Schnaufen tut er noch.»

Fand, man hätte statt schnaufen auch atmen sagen können, aber antworte: «Ah, dann ist ja gut.»

Ich hoffte, es war alles gut. Alle Leute, die einstiegen, nahmen den Typen wahr – wie er da hang. Keiner von denen wusste, was mit ihm war. Keiner von denen wollte wissen, was mit ihm war. An den Blicken erkannte man aber, dass sie genau wussten, dass es sie eigentlich interessieren sollte, was mit ihm war.

Ich nippe an meinem Kräuterschnaps. Den Mülleimer, in den ich den letzten Kräuterschnaps geschmissen habe, inspiziert gerade ein Pfandflaschensammler. Er leuchtet in den Müll. Sicher sieht er jetzt das Kräuterschnaps-Fläschchen und interessiert sich einen Dreck dafür. Kein Pfand.

«Sie vermiesen mir den Tag» oder: 9-Uhr-Umwelt-Ticket um 8 Uhr 50

9UhrTicket

‚Frühs fahr ich – weil’s billiger ist – mit dem sogenannten 9-Uhr-Umwelt-Ticket. Das ist gut für die Umwelt: Es kostet mich weniger. Es gibt nur einen Haken: Das Ticket gilt ab neun. Ich fahre aber eine halbe Stunde eher schon. Ich selber finde das okay. Meine Kollegen machen es auch so. Unsere Arbeit beginnt um neun und sonst wären wir ja nicht rechtzeitig. Die SSB aber ist streng. Man könnte ja meinen, es ist unwahrscheinlich, dass man gerade in dieser kurzen Zeitspanne – der halben Stunde vor Gültigkeit des 9-Uhr-Umwelt-Tickets – erwischt wird. Ich sag ja: scheiß auf die halbe Stunde. Die SSB aber brieft ihre Kontrolleure auf 9-Uhr-Umwelt-Ticket-Betrüger. Sie schickt die Kontrolleure um vor neun in die Bahnen und sagt: «Lasst euch nicht bequatschen. Wer ein 9-Uhr-Umwelt-Ticket hat, fährt technisch gesehen vor neun Uhr schwarz.» Ich finde das kleinkartiert und rege mich immer noch auf. Über diese SSB.‘

«Die Fahrkarten bitte», ruft eine Kontrolleurin. Die 9-Uhr-Umwelt-Ticket-Frau schaut zu ihr auf. Sie überlegt, was sie am besten sagt – in Abhängigkeit davon, mit wem sie es zu tun hat. Die Kontrolleurin ist jung. Sie trägt einen Iro. In Pink. Es ist 8 Uhr 50. Sie und ihr Kollege steigen wie alle Kontrolleurs-Duos hinten und vorne ein. Dann gibt es kein Entrinnen: wer kein Ticket hat, muss blechen. Wer aber um 8:50 ein 9-Uhr-Umwelt-Ticket hat, hat Möglichkeiten: Er kann sagen, das habe er nicht gewusst oder er kann sagen: ist mir total unangenehm, aber können sie nochmal ein Auge zudrücken? Oder man sagt: «Meine Kollegen machen das auch so.» Man kennt Geschichten von Leuten, bei denen das klappt.

Nachdem man als erwischter Mensch nun was in die Richtung versucht hat, wartet man auf die Reaktion der Kontrolleurin. Mittlerweile wird mit ziemlicher Sicherheit der zweite Kontrolleur zur Unterstützung des Kollegen dazu getreten sein. Beide gucken jetzt den erwischten Menschen an. Das Kontrolleur-Duo an diesem Morgen ist streng. Die erwischte 9-Uhr-Umwelt-Ticket-Frau hat keine Chance. Sie wünscht der SSB die Pest. Das Kontrolleurs-Duo am Morgen ist unnachgiebig. Es ist ja gebrieft. Es kann die Argumente des überzeugten 9-Uhr-Umwelt-Ticket-Schwarzfahrer überhören.

«Sie vermiesen mir den Tag», sagt die Erwischte. Sie sagt es vorwurfsvoll. Sie wirkt wie der getretene Hund, der nicht checkt, dass man ihn wegen seines Häufchen getreten hat. Warum auch? Das Häufchen ist wunderschön. Es thront auf dem Sofa.

Die punkige Kontrolleurin sagt: «Tja, dann müssen sie in Zukunft ein anderes Ticket kaufen.»

Die Angesprochene rollt die Augen und verschränkt die Arme:

«Das kann doch nicht wahr sein.»

Es ist ein bisschen so wie beklaut werden, wenn man etwas irgendwo hat liegen lassen. Irgendwie hat man ja selbst Schuld.Aber irgendwie: gestohlen hat’s ja jemand anderes.

«Du bist das Beste, was mir je passiert ist» – Es muss eine Gänsehaut-Strumpfhose sein

steinchen

Es ist kalt. Es hat geschneit. Es ist noch 2014. Ein Mädchen – Mitte ‘10 – ist Pocahontas. Sie hat lange, schwarz-geglättete Haare. Ein Prinz hat ihren natürlichen Lebensraum zerstört: Ihre Strumpfhose hat Löcher am Knie. Aber ich bin optimistisch. Ich vermute, dass das keine blanken Knie sind. Ich vermute, dass da noch eine weitere Strumpfhose unter der Strumpfhose liegt: in Gänsehaut-Look. Das ist wie wenn man an die Wiedergeburt glaubt. Alles andere wäre einfach unvorstellbar. Es muss eine Gänsehaut-Strumpfhose sein.

Es ist froher Umtauschtag. Geschenke von Weihnachten waren scheiße. Sie mussten weg. Einige Leute haben Tüten auf dem Schoss. Auf der Tüte einer Omi gegenüber steht «Migros – M per il Meglio». Man sieht zwei Osterhasen über einem Grasteppich. Stimmt. Jetzt steht Ostern vor der Tür. Auf dem Boden liegen kleine Steinchen im Matsch. Sie sind seinerzeit von Schuhsohlen abgefallen.

Die Bahn hält. Ein Schwung steigt aus. Die Leute, die stehen, bleiben größtenteils stehen, nutzen das Feld möglicher Sitzgelegenheiten nicht aus. Sie wägen noch ab. Der permanent quälende Gedanke dabei: Die Anstrengung, sich hinzusetzen und später wieder aufzustehen, könnte ungleich größer sein als einfach stehen zu bleiben. Stimmt. Ich nutze trotzdem die erstbeste Möglichkeit, mich hinzusetzen. Ich hab die Hoffnung, dass ich irgendwann so alt bin, dass man mir gleich einen Platz anbietet.

«Quatsch quatsch – ich muss dir was zeigen – warte – warte – nein – nein – nein – nein», sagt ein Kerl der 15jährigen-Gruppe. Auf seiner umgedrehten Cappy steht in orange umrahmten blauen Lettern: ‚New York Fuckin‘ City‘. Er sagt: «Jetzt muss ich extra wegen euch Party machen» und rollt die Augen.

«Kann ich das löschen?» sagt das Mädchen mit der Gänsehaut-Strumpfhose und zeigt auf ihr Handy. Sie hat ein Foto geschossen und darauf sehen ein paar Frostbeutel-Teenies dämlich aus. «Ja, unbedingt», sagt der ‚New York Fuckin‘ City‘-Typ.

Ich kriege mit, wie jemand jemand anderem eine Liebeserklärung macht. Es fühlt sich an wie Rosamunde Pilcher. Ich weiß nicht, ob ich auch sowas haben will oder so drauf bin wie die Frau, die die Worte abbekommt. Sie lächelt gesittet und sagt – an Stellen, wo es passt: «Ah, okay. Ja.»

Der Kerl voll in Fahrt (bitte in rasender Geschwindigkeit, kurzatmig und laut vorlesen):

«Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Du hast eigentlich was Besseres verdient als mich, aber du bist die tollste Frau auf Erden. Ich bin ja nicht der tollste Kerl. Ich habe lange gebraucht, mein Leben in den Griff zu bekommen. Das mit der Pfändung. Manchmal kann man einfach nichts dafür. Du hast mich zwar schon hin und wieder verletzt, wo ich dann auch echt traurig war und niedergeschlagen aber du bist so liebenswürdig, dasch schon okay. Während du immer wo anders warst und ich allein daheim, habe ich geweint. Aber dasch wirklich okay – weil du bist so toll.»

Ein bisschen Honig ist ja nett. Aber bei sowas hätte ich auch uninspiriert gesagt:

«Ah okay – Ja – Das war nicht gewollt.»

Und hoffentlich hat das Pocahontas-Mädel wirklich eine Gänsehaut-Strumpfhose an und nicht nichts.

 

In diesem Sinne: frohes neues Jahr.

 

 

„Ihr Nagellack hat einen schönen Farbton!“

Zwei Sekunden

«Ihr Nagellack hat einen schönen Farbton!», sagte die Buchverkäuferin am Bahnhof Würzburg.

«Was?» sagte ich.

«Ihr Nagellack hat einen schönen Farbton!», wiederholte die Buchverkäuferin.

«Oh danke.»

Ich guckte auf meine rot lackierten Fingernägel und wollte schon sagen, dass meine Mitbewohnerin die lackiert hat. Gerne hätte ich auch auf das Nageltattoo hingewiesen. Es zeigt eine Musiknote. Aber dann wurde mir rechtzeitig schnell klar, dass die Frau sich abgesehen von dem Farbton meiner Fingernägel gar nicht für mich interessierte. Und selbst der Farbton der Fingernägel ging ihr eigentlich am Arsch vorbei.

Alles würde nicht weiter irgendwen beschäftigen. Gut so.

Ich weiß auch nicht mehr von ihr außer dass sie da am Bahnhof schafft. Keine Ahnung, auf welchen Strich sie sonst so geht. Ich hatte mir gerade ein Buch bei ihr gekauft und irgendwie – als sie mich fragte, ob sie das Buch als Geschenk einpacken solle, wurde mir erst klar, dass ich gerade das Großartigste tat, was mir an Weihnachten passieren konnte:

Ich kaufte mir ein Buch. Ich würde kein weiteres, ähnlich wertvolles Geschenk bekommen – außer Geld. Was ähnlich wertvoll war, hatte ich bereits erhalten:

eine selbst gestrickte Mütze von meiner Mitbewohnerin E.

Ich hatte eine Gänsehaut. Ich würde gerne sagen, ich war auch den Tränen nahe, aber ich hatte wirklich einfach nur eine Gänsehaut.

 

In dem Sinne, frohe Weihnachten.

 

Die Karikatur-Frau mit dem Tastenton oder «Dieeeet – dieeet – ditditditdit»

NehmenSieRuecksicht

Manche Menschen haben ein Gesicht wie eine Karikatur. Man muss da gar nichts mehr überzeichnen. So wie hier. Die Nase, die in dem Gesicht einer pummeligen Frau sitzt, ist eine Knubbel-Nase und per se überzeichnet. Wenn man der Frau nahe stünde, würde man sie knubbeln. Doch keiner hier will je in diese Position kommen.

«Hä? Ich hab doch nichts mit O2-Vodafone», sagt sie zu ihrem Handy. Auf ihrem Schoß liegt eine riesenrote Tasche mit weißen Punkten wie Marienkäfer. Ihr Sprechrhythmus ist zähflüssig. Alle hören sie. Niemand guckt.

«Hallo Elli —- guten morgen — ja, ich war krank, weischt … Mh ja Elli — Ich hab Antibiotika verschrieben bekommen — Samma – hascht so Infrarotlampe-… Ja, das probierst, ja? Desch isch gut. — Ja, das verschiebt sich. Der Herr Hotta hat den Termin verschoben…. Ja, jetzt sind wir grad Degerloch Haltestelle. Hörst mich noch…Elli? Ja, dann versuchen wir es jetzt so… Ich schwätz nochmal mit dem am Montag, gell? Dann rufen wa da nochmal an zwecks passendem Termin…. Hörst mich noch… Elli? Oh – sie isch weg. Des isch–»

Sie wendet sich an die paar Leute in der Ubahn wie zu einem Publikum und sagt: «Der vermaledeite Tunnel.» Kein Empfang. Sie tippt auf ihr Handy rum. Jedes Tippen ist ein Tastenton, weil sie die Tastentöne nicht ausgeschaltet hat. Jeder kann es hören. Manche gucken. Qualität der Blicke: Genervtheit!

«Das hängt mit dem Tunnel zusammen», sagt sie und schaut einmal in die Runde. Das Tippen wird wilder, schneller. Techno-Tippen. «Komisch…», murmelt sie. Piep – dieeeet – dieeet – ditditditdit.

Eine Brillenträgerin wirft einen kurzen Blick zu der Frau und dann wieder weg zu ihrem Gegenüber. Sie ist gerade dabei über die Bedingungen des Wachseins zu philosophieren und kommt gerade zur Weisheit letzten Schluss: «Ich hab festgestellt, dass die Theorie früher schlafen gehen, morgens wacher bei mir nicht funktioniert.»

Und die Frau mit dem O2-Netz ruft wieder ihre Freundin an. «Ja, Elli – des war der Tunnel. Ja und Elli probier das mal mit der Infrarotlampe. Das wird dir helfen, wirst du wieder gesund. Ja und ich hab auch was anderes genommen. So Kriposchtadt. Ja gut Elli, dann tschüss. Tschüüühuss. Elli. Tschüss.»

Den Namen des Gesprächspartners ab und zu in Konversationen einzuführen, ist eigentlich eine liebevolle Geste. Die Person weiß ja wie sie heißt, aber das Wissen darum, dass der andere es auch weiß, tut manchmal gut. Nur wenn jemand sagt «Tschüss, Elli» und man «Elli» in jedem zweiten Satz benutzt hat, geht einem irgendwann der eigene Namen auf die Nerven. Stell ich mir irgendwie befremdlich vor.

Eine Nonne steigt ein. Sie unterscheidet sich von allen anderen in drei Dingen. Erstens im Aussehen. Zweitens in der Gesinnung. Und drittens gucken alle immer, dass sie einen Sitzplatz haben, während sie steht, obwohl es massig Sitzplätze gibt.*

Ich gehe an ihr vorbei und steige aus.

 

* Es gibt aber auch andere Nonnen, die sehr wohl Platz nehmen. Ich habe es selbst schon gesehen.

Vorhergesehn _ ein Nachruf

schirm

Jeder Mensch hat manchmal eine Ahnung, was passieren wird. Er ist dabei kein Hellseher. Eher sowas wie ein Zusammenrechner von Gegebenheiten. So kann er in die Zukunft sehen, ohne Wunder zu vollbringen. Es ist erstaunlich, dass er manchmal dennoch nicht in der Lage ist, ein unangenehmes Ereignis, das er schon vorhergesehen hat, aufzuhalten. Ich bin ein Mensch, der sich den Schirm genau anguckt, wenn er ihn in der U-Bahn auf den Boden legt und dabei denkt: «Das ist gefährlich. Den vergesse ich bestimmt.»

(R.I.P. Schirm)

 

Von der Kommission, die prüft, wer betrügt

kommission

«Da gibt es eine Kommission, die prüft, wer betrügt. Deswegen haben die ihn verhauen», sagt eine Frau zu ihrem 7jährigen. Das Kind interessiert sich nicht für die Geschichte. Es lehnt sich gelangweilt im Sitz zurück. Ein Glück. Ist keine gute Geschichte. Sie macht Angst vor Kommissionen. Wobei – so ein gesundes Angstempfinden gegenüber Kommissionen —

Der Junge hat schmale Gesichtszüge. Wenn es den Hals reckt, sieht das aus als hinge der Kopf lose auf der Halterung (= Hals) und kippt jeden Moment um. Er erweckt jetzt schon ein bisschen den Eindruck eines Snobs, der später mal zu schwach ist sich zu wehren.

Der Zug ist einigermaßen voll. Hinter mir sitzen junge Leute, die auf Kinoton zu sprechen kommen.

«Und, wie war dein Wochenende?»

«Gut. War im Kino, aber da war irgendwie voll wenig los und die ham den Ton nicht so laut gemacht und immer, wenn jemand gelacht hat, hat man nichts verstanden. War schon blöd, aber naja -!»

«Ja, das ist, glaub ich schwierig, im Kino nicht zu laut und nicht zu leise zu machen.»

Niemand sagt darauf was. Wahrscheinlich nicken alle.

«Hast du eigentlich noch ein Bonbon?» fragt die Mutter ihr Kleines. Sie möchte, dass es ihrem Kind an nichts fehlt. Auch und vor allem nicht an Bonbons. Ihr schwarzes Haar ist strohig und wild.

«Hier müssen wir aussteigen, ne?» sagt das Kind, während eine Frau mittleren Alters gemein lacht. Sie schnellt mit ihrem Kopf dafür ruckartig in den Nacken. «Morgen gehen wir zum Zahnarzt, hahaha.» Sie beugt sich wieder vor und guckt provokativ zu einem Teenie mit eingezogenen Schultern. Dieses antwortet mit kieksiger Stimme «Mach mir halt Angst» und zieht eine Schnute.

Und hoffentlich kommt dann eine Kommission, die prüft, wer betrügt. So ein Mann wie auf dem Bild.

«Nein, die werden gerupft und dann leben sie weiter»

u12_bahn

In einem Märchen heißt es, ihre Haut war weiß wie Schnee, ihre Lippen so rot wie Blut und ihr Haar so schwarz wie Ebenholz. Sie war schön – natürlich schön. Heute betont Schneewittchen ihre Reize. Sie sitzt aufrecht in der U-Bahn. Ihr roter Mantel ist rot wie Blut – röter als wie ihre Lippen. Sie sagt: «Nein, die werden gerupft und dann leben sie weiter».

Ihre zarten Hände ruhen auf einem goldbestickten Täschchen. Ihre feinen Nasenflügel heben und senken sich. Sie muss nicht mehr als hübsch sein, aber immer, wenn sie jetzt Bahn fährt, schaut Schneewittchen NTV-Videos, um sich zu bilden. Zumindest sagt sie: «Ich hab mir vorgenommen, wenn ich jetzt Bahn fahre schau ich mir immer ntv-Videos an. Dann krieg ich solche Sachen mit.» Sie interessiert sich halt mittlerweile für die Welt und nicht nur für Wälder, Felder, sieben Zwerge und Prinzen.

Die Frau neben ihr – blond, Mitte 50 – beugt sich zu der Frau gegenüber vor: «Aber Gisela, was ist denn mit deiner Jacke?» Sie fängt an am schmutzigen Jackenende von Giselas gerippter Regenjacke rumzuschleifen.

Gisela: «Wieso? Was ist mit meiner Jacke?»

Die Türen öffnen. Die Türen schließen. Herein kommt ein Mensch in Vereinsjacke; struppiges Haar: der Handwerker. Er hat die Welt gesehen. Als er sich setzt, lacht er auf. «Geht mich ja nichts mehr an jetzt, ne?» Er schaut aus dem Fenster direkt in die Ferne. «Dann bezahl ich halt.» Seine Karin hat Schluss gemacht, aber er ist ein Typ Mensch, der Glühbirnen sofort wechselt, wenn sie kaputt gehen. «Das Leben geht weiter. Mein Nachbar muss ja auch ausziehen», sagt er und beabsichtigt einen Akkuschrauber für 260 Euro zu kaufen.

«Das kostet auch nicht die Welt», sagt sein Gesprächspartner.

Der Handwerker nickt und seufzt.

Im Sitzvierer von Schneewittchen entbrennt eine Diskussion um Stiletten, Halbschuhe und Pomps. Schneewittchen beendet sie schnell, um auf das neue Galaxy-Handy zu sprechen zu kommen:

«S4 gibt’s schon länger. Hätte ich gern. Da ist dann eine Uhr dabei.»

Schneewittchen ist eine Frau von Welt jetzt. Sie bringt die Dinge auf den Punkt, greift nach Handys mehr als nach Sternen, und hat das Geld dafür.

Eine Frau, die damit nichts zu tun hat, sagt: «Dann hat man keine Berührungsängste.»

Eine Andere antwortet: «Ja, naja – auf Menschen hab ich eh keine Berührungsängste» und redet von einer Geistesgestörten, wegen der sie fast ihren Job verloren hat. «Ich wollte schon aufgeben, aber da hat meine Psychotherapeutin gesagt: Sie sind doch eine Kämpfernatur. Tun Sie was!»